Am letzten Samstag im Juni haben sich viele interessierte Bürger am Hutplatz in Weinheim getroffen um mehr über die in der Altstadt wild vorkommenden Pflanzen und Tiere zu erfahren. Baumscheiben, Pflasterfugen, Wegränder und ungenutzte Ecken bieten häufig mehr Pflanzenarten Platz als die meisten Äcker und Fettwiesen der Feldflur. Diplom-Biologe Siegfried Demuth führte dazu in 2 Stunden durch die engen Gassen und stellte viele Pflanzen vor.
So wurde beispielsweise direkt am Hutplatz, die ursprünglich aus Nordamerika stammende Zarte Binse gefunden. Sie ist seit 1824 auch in Europa bekannt und wurde vermutlich über den Klebsamen an Reifen oder Schuhen aus Amerika nach Europa “mitgebracht”. Da sie trittfest ist und auch auf verdichteten Boden wächst, kann sie hervorragend zwischen den Pflasterfugen der Stadt wachsen. Das hat sie auch mit den einheimischen Kahlen Bruchkraut gemein. Diese kleine krautige Pflanze hat sicherlich schon jeder einmal gesehen, aber aufgrund seiner Größe von wenigen Zentimetern kaum erkannt.

(Foto von Michael Becker [CC BY-SA 3.0])
Der Breit-Wegerich hat den umgekehrten Weg von Europa nach Amerika angetreten und ist dort als Neophyt eingeschleppt worden und als „Fußabdruck des Weißen Mannes“ bekannt. Auf dem Hutplatz wurden aber auch andere Pflanzen wie die Mäuse-Gerste gefunden. Die Mäuse-Gerste hat einen kleinen Wuchs (20-30 cm) und erinnert an die normale Gerste. Sie stammt ursprünglich aus dem Mittelmeerraum bzw. Kleinasien. Bei uns wächst sie nur an sehr warmen und trockenen Standorten, vor allem in den Städten. Diese findet sie aufgrund der höheren Durchschnittstemperaturen an Straßenrändern oder vor Mauern geeignete Lebensbedingungen. Sie ist damit eine Zeigerpflanze für die Stadterwärmung. Als Besonderheit konnte das Vierblättrige Nagelkraut demonstriert werden. Diese kleine, in den Pflasterfugen der Altstadt wachsende Pflanze galt in Baden-Württemberg lange Zeit als verschollen. Ihre Hautverbreitung liegt rund um das Mittelmeer. Seit einigen Jahren breitet sich diese wärmeliebende Art wieder in den Städten Südwestdeutschlands aus, was auf die Klimaerwärmung zurückgeführt werden kann.

(Foto von Christian Fischer [CC BY-SA 3.0])
Ein weiterer typischer Kulturbegleiter ist der gemeine Rainkohl. Die mit 50-100 cm relativ groß werdende Pflanze hat kleine gelbe Blüten und ist wohl schon seit tausenden von Jahren als Nahrungs- und Heilpflanze z.B. bei Schnittwunden genutzt, heute meistens als Unkraut aus dem heimischen Garten verbannt.
Zum Abschluß der naturkundlichen Führung warb Siegfried Demuth noch dafür, in Pflasterfugen gewachsene Pflanzen ruhig ein wenig stehen zu lassen und ggf. die Gehwege nur mechanisch (Fugenkratzer und Besen) zu reinigen. Pestizide, aber auch sogenannte Hausmittel wie Essig und Salz sind laut Pflanzenschutzgesetz verboten und können bestraft werden. Sie sollten also auf keinen Fall zur Reinigung von Pflasterfugen und Gehwegen genommen werden.